Mit 40 Jahren trat ich meine erste Professur an. Als ich an einem Seminar für „Neuberufene“ teilnahm, begrüßte man mich mit den Worten: „Sie sind jetzt am Ende Ihrer Karriere angelangt. Mehr als Professor werden die meisten von Ihnen nicht mehr werden“. Später hatte ich den Eindruck, dass viele Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeitsweise der Karriereperspektive angepasst hatten.
Karrierewege folgen nicht mehr starren Zeitmustern
In der heutigen Arbeitsgesellschaft ist die Annahme weit verbreitet, dass die berufliche Laufbahn eines Menschen mit dem Erreichen eines bestimmten Alters endet. Auch wenn dies häufig mit dem Eintritt in den Ruhestand assoziiert wird, so gibt es doch bereits Altersgrenzen darunter, die von Bedeutung sind. Im Jahr 2024 lag das Durchschnittsalter neu berufener Dax-Vorstände bei 53,3 Jahren (Quelle: Odgers Berndtson).
Zunächst: Schule, Studium und Berufsausbildung sind in Deutschland recht starre Konzepte mit klaren Zeitstrukturen. Wer länger braucht, ist ein „Sitzenbleiber“ oder bestenfalls ein „Bummelant“. Parallel zu diesen Stadien verlaufen die Stadien der Ich-Entwicklung (Loevinger), die eine Reifung der Persönlichkeit in Anlehnung an Lebensphasen darstellen. So reifen und entwickeln wir uns durch die Bildungseinrichtungen, in der Ablösung vom Elternhaus und in den ersten beruflichen Tätigkeiten. Irgendwann springen viele von uns aus der Selbstständigkeit in eine Vorgesetztenfunktion. Verantwortung ist gefragt, beruflich wie privat.
Die Redewendung „Life begins at 40“ verweist auf die Erkenntnis, dass das Leben ab 40 eine Zeit des persönlichen und beruflichen Wachstums sein kann. Die Gesellschaft suggeriert, dass im Alter von 40 Jahren oft wichtige Lebensabschnitte wie der Aufbau einer Karriere, die Gründung einer Familie oder das Erreichen finanzieller Sicherheit hinter einem liegen. Diese Errungenschaften können als Grundlage dienen, um neue Ziele zu verfolgen, Träume zu verwirklichen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Was aber, wenn man mit 40 seine beruflichen Ziele noch nicht erreicht hat? Bedeutet dies das Ende der Entfaltungsmöglichkeiten und den Beginn eines frühen Verfalls?
Aber ist das wirklich das Ende der Karriere? Die Antwort ist weitaus komplexer und lässt sich nicht auf ein bestimmtes biologisches Alter reduzieren. Vielmehr hängt das Ende einer beruflichen Laufbahn von der Bereitschaft ab, sich kontinuierlich mit dem Fortschritt zu synchronisieren und Innovationen in das eigene Kompetenzmuster zu integrieren.
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Lebenslanges Lernen wird zur Karrierevoraussetzung
Unsere heutige Gesellschaft unterscheidet sich jedoch von der Vergangenheit. Während früher die Aneignung des vorhandenen Fachwissens ausreichte, um ganze Berufsbiographien zu gestalten, ist dies heute anders. Früher war man vielleicht Metzger, Schreiner, Bäcker oder Pfarrer. Das Wissen der Vergangenheit war hinreichend für die eigenen Tätigkeit. Heute ist man Data Scientist, Machine Learning Engineer, Cloud Architekt, UX/UI Designer und in Zukunft KI-Ethik-Entscheider, VR Experience Designer, Hummanoid Robot Therapist oder Personal Data Curator.
Die anzueigenenden Kompetenzen und das notwendige Fachwissen für zukünftigen Aufgaben sind noch gar nicht vorhanden, so dass folgende Phänomene beschrieben werden können:
- Es besteht ein zunehmender Zeitdruck bei der Aneignung von Wissen und Kompetenzen.
- Dies ist mit erheblichen Risiken verbunden, da in einem sich wandelnden Umfeld nicht klar ist, welche Auswirkungen berufliche Entscheidungen auf die eigene Tätigkeit in der Zukunft haben werden.
- Von den Beschäftigten wird eine permanente Lern- und Anpassungsleistung verlangt.
- Die Phasen und Zyklen des Wandels werden immer kürzer und es ist davon auszugehen, dass sich die Innovationszyklen in Zukunft überlappen werden.
- Gleichzeitig erleben wir jedoch eine immer geringere werdende Bereitschaft in klassische Karrieremuster einzutreten. Zeitliche Beanspruchung, Verantwortung und Arbeitsbelastung scheinen nicht keine Attraktoren mehr zu sein.
- Wir erleben also eine sich gegenseitig bedingende Erosion klassischer Karrieren und ihrer Zeitmuster: Die Bereitschaft, einen linearen Karriereweg einzuschlagen, versiegt
- Die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft führt zu neuen Berufsbildern – und Organisationsformen – die sich nicht in klassische Führungsszenarien integrieren lassen.
Führung und Karriere neu denken
Was bedeutet das für die Führung von morgen?
- Führungsaufgaben werden temporalisiert, sie beziehen sich auf bestimmte Aufgaben in definierten Zeitszenarien.
- Die Rückkehr in frühere Karrierephasen wird zunehmend zur Normalität.
- Karrierebrüche und Neuorientierungen werden Teil der Berufsbiografie.
- Neben der fachlichen Qualifikation entscheiden zunehmend „weiche Faktoren“ über den beruflichen Werdegang.
- Mangelnde Sicherheit und zunehmende Beschleunigung führen zu mehr psychischen Belastungen. Psychische Resilienz und die Einbettung in tragfähige soziale Netzwerkstrukturen werden an Bedeutung gewinnen.
Endet die berufliche Karriere mit 50? Nicht zwangsläufig, das kann früher oder später sein und hängt von der persönlichen Leistungsbereitschaft und -fähigkeit ab.
Aber eines ist sicher: Starre Zeitmuster werden sich auflösen.
Das gilt auch für den Eintritt in den Ruhestand!
08.10.2026
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