Wissen ist kein Ordner

25.08.2026 | von Prof. Dr. Sandra Niedermeier
Startseite » News » Wissen ist kein Ordner
Das Bild zeigt ein Motiv zum Thema Personalentwicklung, Qualifizierung und Karriereförderung. Eine Hand greift nach einer lächelnden Holzspielfigur, die vor drei weiteren Holzfiguren auf Unterlagen auf einem Schreibtisch steht. Über der ausgewählten Figur sind grafische Hexagon-Icons schwebend eingeblendet, die Symbole für Bildung und Entwicklung zeigen (Glühbirne, Buch, Dozent, Doktorhut und Zertifikat/Ordensschleife). Im unscharfen Hintergrund sind ein Laptop und Zimmerpflanzen zu erkennen. Das Bild vermittelt anschaulich Themen wie gezielte Mitarbeiterförderung, Weiterbildung, Talentmanagement und Kompetenzaufbau.

warum Wissensmanagement wichtiger ist denn je

Eine langjährige Mitarbeiterin verlässt das Unternehmen. Ihre Dateien sind sauber abgelegt, Prozesse dokumentiert und Projektordner vollständig übergeben. Dennoch zeigt sich wenige Wochen später, dass entscheidendes Wissen fehlt: Welche Kundin benötigt besonders früh eine Rückmeldung? Warum wurde ein bestimmter Prozess vor Jahren bewusst anders gestaltet? Wen ruft man an, wenn eine Standardlösung nicht funktioniert? Welche informellen Absprachen halten den Arbeitsablauf tatsächlich zusammen?

Die Dokumente sind noch vorhanden. Das Wissen ist es nur teilweise.

Dieses Beispiel verdeutlicht ein grundlegendes Missverständnis: Wissen lässt sich nicht vollständig speichern. Es entsteht, wenn Menschen Informationen mit Erfahrungen, Erwartungen und konkreten Handlungssituationen verbinden. Wissensmanagement kann deshalb nicht auf Datenbanken, Wikis und Dokumentenablagen reduziert werden.

Gerade in einer Arbeitswelt, die durch personelle Wechsel, digitale Zusammenarbeit, wachsende Informationsmengen und den Einsatz künstlicher Intelligenz geprägt ist, wird der bewusste Umgang mit Wissen wichtiger.

Daten, Informationen und Wissen sind nicht dasselbe

Daten bestehen zunächst aus einzelnen Zeichen, Zahlen oder Beobachtungen. Erst durch ihre Einordnung werden sie zu Informationen. Wissen entsteht, wenn Menschen Informationen interpretieren und auf konkrete Situationen beziehen.

Eine Prozessbeschreibung kann beispielsweise erklären, welche Schritte in welcher Reihenfolge auszuführen sind. Sie vermittelt jedoch nicht zwangsläufig, wie mit einem ungewöhnlichen Fall umzugehen ist. Diese Fähigkeit beruht häufig auf Erfahrungswissen.

Die Unterscheidung zwischen explizitem und implizitem Wissen ist deshalb zentral. Explizites Wissen lässt sich vergleichsweise gut versprachlichen und dokumentieren. Dazu gehören Richtlinien, Checklisten, Handbücher oder Projektberichte. Implizites Wissen zeigt sich dagegen im Handeln. Es umfasst Erfahrungswerte, Routinen, Intuitionen und ein Gespür für situative Besonderheiten.

Nonaka (1994) hat herausgearbeitet, dass organisatorisches Wissen gerade durch das Zusammenspiel dieser Wissensformen entsteht. Dokumentation ist wichtig, reicht aber nicht aus. Wissen muss auch im sozialen Austausch weitergegeben, erprobt und an neue Situationen angepasst werden.

Wissen verschwindet nicht erst beim Austritt

Wissensverlust wird häufig vor allem mit dem Ausscheiden erfahrener Beschäftigter verbunden. Tatsächlich kann relevantes Wissen bereits früher verloren gehen. Teams schließen Projekte ab, ohne ihre Erfahrungen auszuwerten. Entscheidungen werden getroffen, aber nicht nachvollziehbar dokumentiert. Fehler werden kurzfristig gelöst, ohne dass die Lösung anderen Bereichen zugänglich wird.

Auch Reorganisationen können bestehende Wissensnetzwerke unterbrechen. Werden Teams neu zusammengesetzt, Zuständigkeiten verändert oder Standorte zusammengelegt, gehen informelle Verbindungen verloren. Beschäftigte wissen dann möglicherweise weiterhin viel, aber nicht mehr, an wen sie sich mit einer bestimmten Frage wenden können.

Wissensmanagement betrifft deshalb nicht nur die Frage: „Was wissen wir?“ Ebenso wichtig sind die Fragen: „Wer weiß was?“, „Wo entsteht neues Wissen?“, „Wie wird es weitergegeben?“ und „Unter welchen Bedingungen wird es tatsächlich genutzt?“

Wissen zu teilen ist keine Selbstverständlichkeit

Organisationen behandeln Wissensteilung häufig als rein technische Aufgabe. Eine neue Plattform wird eingeführt, Dokumente sollen hochgeladen und Best Practices erfasst werden. Bleibt die Nutzung hinter den Erwartungen zurück, wird dies mit fehlender Motivation oder mangelnder Disziplin erklärt.

Aus wirtschaftspsychologischer Perspektive ist Wissensteilung jedoch ein soziales Verhalten. Menschen teilen Wissen nicht unabhängig von ihren Erfahrungen und Erwartungen. Sie prüfen bewusst oder unbewusst, welche Folgen eine Weitergabe haben könnte.

In Organisationen, in denen Wissen mit Status, Einfluss oder Arbeitsplatzsicherheit verbunden ist, kann das Zurückhalten von Wissen rational erscheinen. Wer als einzige Person einen kritischen Prozess beherrscht, macht sich schwer ersetzbar. Wer dagegen sein Wissen vollständig weitergibt, befürchtet möglicherweise, an Bedeutung zu verlieren.

Hinzu kommt die Erfahrung, dass Wissen nicht immer wertgeschätzt wird. Beschäftigte investieren Zeit in Dokumentationen, die später niemand liest. Sie geben Hinweise, die in Entscheidungen nicht berücksichtigt werden. Oder sie teilen Fehlererfahrungen und erleben, dass diese gegen sie verwendet werden.

Eine funktionierende Wissenskultur benötigt daher Vertrauen. Menschen müssen erfahren, dass das Teilen von Wissen Anerkennung findet, Fragen nicht als Inkompetenz gelten und Fehler zur Verbesserung von Prozessen genutzt werden.

Mehr Informationen bedeuten nicht mehr Wissen

Digitale Systeme haben den Zugang zu Informationen erheblich erleichtert. Gleichzeitig wächst das Risiko der Informationsüberlastung. Viele Organisationen verfügen nicht über zu wenig Dokumentation, sondern über zu viele parallele, veraltete oder widersprüchliche Informationen.

Das zentrale Problem lautet dann nicht mehr: „Wo finden wir etwas?“ Es lautet: „Welcher Information können wir vertrauen?“

Mit generativer künstlicher Intelligenz verschärft sich diese Frage. KI-Systeme können Inhalte zusammenfassen, strukturieren und leichter zugänglich machen. Sie können jedoch nur dann verlässlich unterstützen, wenn die zugrunde liegenden Wissensbestände aktuell, nachvollziehbar und angemessen eingeordnet sind.

Ein veralteter Prozess wird durch eine sprachlich überzeugende Zusammenfassung nicht richtiger. Fehlender Kontext wird nicht automatisch ersetzt. Die Fähigkeit, Informationen kritisch zu prüfen und auf eine konkrete Situation zu übertragen, bleibt deshalb unverzichtbar.

KI macht Wissensmanagement nicht überflüssig. Sie erhöht vielmehr die Bedeutung von Qualitätskriterien, Verantwortlichkeiten und einer klaren Wissensarchitektur.

Wissensmanagement als organisationaler Prozess

Professionelles Wissensmanagement beginnt nicht mit der Auswahl eines Tools. Es beginnt mit der Frage, welches Wissen für die Handlungsfähigkeit einer Organisation besonders relevant ist.

Eine solche Analyse kann vier Bereiche betrachten:

  • Kritisches Wissen: Welches Wissen würde bei einem Verlust zu erheblichen Problemen führen?
  • Verteiltes Wissen: In welchen Teams oder bei welchen Personen befindet sich dieses Wissen?
  • Dynamisches Wissen: Welche Wissensbestände verändern sich besonders schnell?
  • Nicht dokumentierbares Wissen: Welche Erfahrungen können nur durch Zusammenarbeit, Beobachtung und gemeinsames Handeln weitergegeben werden?

Aus dieser Analyse lassen sich passende Maßnahmen ableiten. Für standardisierbare Abläufe können Checklisten und Prozessbeschreibungen sinnvoll sein. Bei komplexem Erfahrungswissen eignen sich Tandems, Mentoring, Communities of Practice oder strukturierte Fallbesprechungen.

Auch Retrospektiven und After-Action-Reviews leisten einen wichtigen Beitrag. Teams fragen dabei nicht nur, ob ein Projekt erfolgreich war, sondern wie das Ergebnis zustande kam: Was hatten wir erwartet? Was ist tatsächlich passiert? Warum gab es Unterschiede? Was sollten wir künftig beibehalten oder verändern?

Dadurch wird Erfahrung in reflektiertes und anschlussfähiges Wissen überführt.

Wissen muss in Bewegung bleiben

Ein häufiges Ziel des Wissensmanagements lautet, Wissen zu sichern. Diese Formulierung kann jedoch den Eindruck erwecken, Wissen müsse lediglich konserviert werden. Organisationen benötigen nicht nur stabile Wissensbestände, sondern auch die Fähigkeit, Wissen zu erneuern.

Manche Routinen verlieren ihre Gültigkeit. Erfahrungen aus der Vergangenheit können zu starren Annahmen werden. Erfolgreiche Lösungen werden auf neue Situationen übertragen, obwohl sich die Bedingungen verändert haben. Wissensmanagement umfasst daher auch das bewusste Verlernen und Überprüfen bestehender Überzeugungen.

Eine lernfähige Organisation fragt regelmäßig: Welche Annahmen leiten unser Handeln? Welche davon sind noch tragfähig? Welches Wissen fehlt uns? Von wem könnten wir lernen?

Damit wird Wissensmanagement zu einem Teil strategischer Organisationsentwicklung.

Der entscheidende Faktor bleibt der Mensch

Technische Systeme können Wissen zugänglich machen. Sie können Verbindungen herstellen, Inhalte kategorisieren und Suchprozesse erleichtern. Ob Wissen geteilt, verstanden und genutzt wird, hängt jedoch weiterhin von Menschen ab.

Beschäftigte benötigen Zeit für Austausch und Reflexion. Sie brauchen soziale Beziehungen, in denen Fragen möglich sind. Sie müssen erkennen, welchen Nutzen die Weitergabe ihres Wissens für sie selbst, ihr Team und die Organisation hat. Und sie benötigen die Erfahrung, dass ihr Wissen nicht nur gesammelt, sondern tatsächlich berücksichtigt wird.

Wissensmanagement ist deshalb keine administrative Nebenaufgabe. Es ist die bewusste Gestaltung organisationaler Lernprozesse. Sein Erfolg zeigt sich nicht an der Zahl gespeicherter Dokumente, sondern daran, ob eine Organisation auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig bleibt.

Wissen ist kein Bestand, den ein Unternehmen besitzt. Wissen ist ein sozialer Prozess, der immer wieder neu hergestellt werden muss.

Literaturhinweise

Argote, L., & Ingram, P. (2000). Knowledge transfer: A basis for competitive advantage in firms. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 82(1), 150–169.

Davenport, T. H., & Prusak, L. (1998). Working knowledge: How organizations manage what they know. Harvard Business School Press.

Nonaka, I. (1994). A dynamic theory of organizational knowledge creation. Organization Science, 5(1), 14–37.


Eine blonde Frau im roten Blazer, Prof. Dr. Sandra Niedermeier, schaut mit verschränkten Armen seitlich über die Schulter lächelnd direkt in die Kamera.

Prof. Dr. Sandra Niedermeier

Prof. Dr. Sandra Niedermeier ist Professorin für Digitalisierung in Bildung und Gesellschaft an der Hochschule Kempten. An der KBS leitet sie den berufsbegleitenden Studiengang Wirtschaftspsychologie und entwickelt praxisnahe Weiterbildungen zu Themen wie digitales Lernen, Leadership und KI-Kompetenz.

25.08.2026

Kategorien: