„Young people leaving education without the practical skills needed for work.“
Diese Schlagzeile klingt zunächst nach einer weiteren Kritik an der jungen Generation. Nach dem bekannten Narrativ, junge Menschen seien nicht belastbar genug, nicht ausreichend vorbereitet oder hätten falsche Erwartungen an das Berufsleben.
Doch damit würden wir es uns zu einfach machen. Hinter der Diskussion verbirgt sich eine wesentlich grundsätzlichere Frage: Bereiten unsere Bildungs- und Weiterbildungssysteme Menschen tatsächlich auf die Kompetenzen vor, die sie in einer sich rapide verändernden Arbeitswelt benötigen?
Diese Frage betrifft keineswegs nur Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, demografischer Wandel und neue Formen der Zusammenarbeit verändern Tätigkeiten und Anforderungen grundlegend. Der OECD Skills Outlook 2025 kommt zu dem Schluss, dass sich Anforderungsprofile teilweise schneller verändern als politische und institutionelle Anpassungszyklen – lebenslanges Lernen wird dadurch zur Pflicht (OECD, 2025).
Die Lücke zwischen Bildungsabschluss und Arbeitsfähigkeit
Einen aktuellen Anlass für diese Diskussion liefert eine Untersuchung des britischen Chartered Management Institute (CMI, 2026):
- 45 % der befragten 18- bis 24-Jährigen gaben an, beim Eintritt in die Arbeitswelt über die notwendigen Fähigkeiten zu verfügen.
- Nur 6 % der befragten Führungskräfte bestätigten, dass junge Berufseinsteigende in entsprechendem Maße vorbereitet seien.
- als Gründe nannten Führungskräfte u. a. mangelnde Motivation, fehlende Resilienz, unpassendes Verhalten im Arbeitskontext sowie mangelnde Pünktlichkeit (CMI, 2026).
Auch wenn diese Daten auf Befragungen im Vereinigten Königreich basieren und nicht unbesehen verallgemeinert werden können, weisen sie auf ein zentrales Phänomen hin: Formale Qualifikation, vorhandenes Wissen und die tatsächliche Anwendung im Arbeitsalltag sind drei verschiedene Dinge.
Eine OECD-Analyse auf Basis des Survey of Adult Skills (PIAAC) spricht von einer teilweise unterbrochenen Verbindung zwischen skills proficiency und skills use (OECD, 2026). Berufliche Handlungsfähigkeit entsteht nicht allein durch Wissen, sondern durch die Fähigkeit, dieses Wissen in neuen Kontexten flexibel einzusetzen.
Schlüsselkonzept: Adaptive Problem Solving
Die OECD definiert eine der wichtigsten Kompetenzen für die Arbeitswelt der Zukunft als Adaptive Problem Solving – die Fähigkeit, Ziele in dynamischen Situationen zu erreichen, in denen es keinen vorgefertigten Lösungsweg gibt (OECD, 2025).
Das unterscheidet den Berufsalltag radikal von klassischen Prüfungssituationen:
- Informationen sind unvollständig oder widersprüchlich.
- Rahmenbedingungen verändern sich dynamisch.
- Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden.
- Für die wirklich relevanten Probleme gibt es keine Musterlösung im Lehrbuch.
Ob eine Führungskraft einen Teamkonflikt moderiert, ein Projekt neu ausrichtet oder den Einsatz von generativer KI abwägt – stets braucht es analytisches Denken, Reflexionsfähigkeit, Kommunikation und Urteilsvermögen.
„Soft Skills“ sind ökonomisch längst harte Faktoren
Eigenschaften wie Kommunikation, Resilienz, Selbstreflexion oder Führung werden oft noch als „Soft Skills“ abgetan. Dieser Begriff ist irreführend. Sie sind längst zu harten Leistungsträgern geworden.
Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum (WEF, 2025) zeigt die wichtigsten Kernkompetenzen im Ranking der Arbeitgeber:
- Analytisches Denken (wichtigste Kernkompetenz überhaupt)
- Resilienz, Flexibilität und Agilität
- Leadership und sozialer Einfluss
- Technologische Kompetenzen (AI & Big Data, Cybersecurity, Netzwerke)
Wie KI den Wert von Wissen verändert
Generative Künstliche Intelligenz beschleunigt diesen Wandel massiv. KI kann Texte entwerfen, Daten auswerten, Code schreiben und Lösungsansätze liefern. Dadurch wird Wissen keineswegs wertlos – wir brauchen Fachwissen, um KI-Ergebnisse überhaupt bewerten zu können.
Aber der relative Wert verschiebt sich:
- KI liefert fünf strategische Optionen – Menschen müssen entscheiden, welche zum Unternehmen passt.
- KI entwirft einen Transformationsplan – Menschen müssen Akzeptanz bei den Beschäftigten schaffen.
- KI fasst Daten zusammen – Menschen tragen die rechtliche und ethische Verantwortung.
Die wichtigste Kompetenz für die Arbeitswelt von morgen ist es daher, Wissen, Technologie, Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen miteinander zu verknüpfen.
Was Bildung und Weiterbildung künftig leisten müssen
Bildung darf nicht beim reinen Wissenstransfer stehen bleiben. Wissen ist die Grundlage, nicht das Endprodukt.
Die entscheidenden Zukunftsfragen:
- Kann jemand ein unbekanntes Problem strukturieren?
- Kann jemand zwischen belastbaren und zweifelhaften Informationen unterscheiden?
- Kann jemand konstruktiv widersprechen und Feedback annehmen?
- Kann jemand unter Unsicherheit Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen?
- Können moderne Technologien produktiv und kritisch genutzt werden?
Die OECD (2026) betont, dass der tatsächliche Einsatz von Kompetenzen am Arbeitsplatz direkt mit Produktivität, höheren Löhnen und Arbeitszufriedenheit korreliert.
Von der linearen Biografie zum Lebenslangen Lernen
Das alte Modell (Ausbildung/Studium absolvieren und das Wissen jahrzehntelang anwenden) funktioniert nicht mehr. Weiterbildung wandelt sich von einer Karriereoption zur strategischen Notwendigkeit (OECD, 2025).
Besonders wirksam ist dabei anwendungsorientierte Weiterbildung. Wer sich berufsbegleitend weiterbildet, bringt reale Herausforderungen aus dem Betrieb in den Hörsaal ein und überprüft wissenschaftliche Modelle direkt am nächsten Tag in der Praxis.
Praxisbeispiele moderner Weiterbildungsformate:
- MBA Future Skills und Führung im Wandel (Kempten Business School): Verknüpft klassisches Managementwissen mit Future Skills, Digital Literacy, KI-Kompetenz und persönlicher Führungskräfteentwicklung. Technologische Transformation wird hier als menschliche und organisationale Aufgabe verstanden.
- Hochschulzertifikatskurs Women in Leadership (Kempten Business School): Richtet sich an Frauen in Führungsverantwortung. Fokussiert auf Diversität, emotionale Intelligenz, Coaching und Mentoring. Hier wird der Transfer zwischen theoretischem Modell und echtem Führungsalltag direkt erprobt.
Fazit: Lernen als wichtigste Future Skill
Die Diskussion um mangelnde Praxistauglichkeit junger Menschen greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet: Welche Bildung brauchen wir in einer Welt, in der Wissen omnipräsent ist und KI kognitive Routineaufgaben übernimmt?
Die Antwort lautet nicht, weniger zu wissen. Wir brauchen fundierte Grundlagen mehr denn je. Aber wir müssen darüber hinausgehen: Wir brauchen Menschen, die Wissen anwenden, Probleme ohne vorgefertigte Muster lösen und Veränderungen mutig gestalten können.
Die wichtigste Future Skill lautet daher: Nicht alles zu wissen, sondern kontinuierlich lernen zu können und aus diesem Lernen wirksames Handeln entstehen zu lassen.
Wissenschaftliche Literaturquellen
- Chartered Management Institute. (2026, July 9). Just 6% of managers say young recruits are ready for work, despite 45% of Gen Z believing they are, new report finds. https://www.managers.org.uk/about-cmi/media-centre/press-releases/just-6-of-managers-say-young-recruits-are-ready-for-work-despite-45-of-gen-z-believing-they-are-new-report-finds/
- OECD. (2025). OECD skills outlook 2025: Building the skills of the 21st century for all. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/26163cd3-en
- OECD. (2026). How workers use, or don’t use, their skills in the workplace. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/0e7c6dc9-en
- World Economic Forum. (2025). The future of jobs report 2025. World Economic Forum. https://www.weforum.org/publications/the-future-of-jobs-report-2025/
30.09.2026
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