Die meisten Führungskräfte scheitern nicht an BWL. Sie scheitern an Psychologie.

19.06.2026 | von Prof. Dr. Katrin Winkler
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Dieses Bild zeigt eine minimalistische Szene aus Pappaufstellern vor einem schlichten, beigen Hintergrund. Auf der rechten Seite steht eine große, schwarze Silhouette eines Mannes im Anzug hinter einem hölzernen Rednerpult und spricht in ein Megafon. Vor ihm, auf der linken Seite, steht eine Reihe von vier kleineren, schwarzen Silhouetten (drei Männer, eine Frau) im Anzug an. Sie halten verschiedene Gegenstände wie Laptops oder Dokumente – die einzige Frau in der Reihe sticht jedoch heraus, da sie eine hell leuchtende Glühbirne in den Händen hält, was symbolisch für eine innovative Idee steht.

Die Aussage mag zunächst provokant erscheinen.

Schließlich werden Führungskräfte in Unternehmen häufig aufgrund ihrer fachlichen Expertise ausgewählt. Wer komplexe Probleme lösen kann, über tiefes Fachwissen verfügt und überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt, gilt oftmals als prädestiniert für die Übernahme von Führungsverantwortung. Die zugrundeliegende Logik scheint plausibel: Wer fachlich erfolgreich ist, wird auch als Führungskraft erfolgreich sein.

Die Praxis zeichnet jedoch ein anderes Bild.

Mit zunehmender Verantwortung verändern sich die Anforderungen an die eigene Rolle grundlegend. Während Fachkräfte primär mit Aufgaben, Prozessen, Technologien oder Produkten beschäftigt sind, verbringen Führungskräfte einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, Menschen zu koordinieren, zu motivieren, zu entwickeln und durch Unsicherheit zu begleiten.

Konflikte moderieren, Widerstände verstehen, Vertrauen aufbauen, Veränderungen gestalten oder unterschiedliche Interessen ausgleichen sind Herausforderungen, die sich nicht allein durch fachliche Expertise bewältigen lassen.

Genau an dieser Stelle stößt die klassische Vorstellung an ihre Grenzen, Führung sei vor allem eine Frage von Fachwissen und betriebswirtschaftlicher Kompetenz.

Denn Organisationen bestehen letztlich nicht aus Strategien, Prozessen oder Organigrammen. Sie bestehen aus Menschen.

Warum Fachwissen allein nicht mehr ausreicht

Die Betriebswirtschaftslehre liefert wertvolle Antworten auf Fragen der Organisation, Steuerung und Wertschöpfung. Sie erklärt, wie Unternehmen funktionieren sollten.

Die tägliche Realität zeigt jedoch, dass Menschen sich nicht immer so verhalten, wie Modelle, Prozesse oder Strategien es vorsehen.

Mitarbeitende reagieren unterschiedlich auf Veränderungen. Teams entwickeln Dynamiken, die sich nicht aus Organigrammen ableiten lassen. Konflikte entstehen häufig nicht aufgrund sachlicher Differenzen, sondern aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmungen, Erwartungen oder Bedürfnisse. Selbst die beste Strategie bleibt wirkungslos, wenn es nicht gelingt, Menschen für ihre Umsetzung zu gewinnen.

Die zentrale Herausforderung moderner Führung liegt deshalb zunehmend darin, menschliches Verhalten zu verstehen und wirksam zu beeinflussen.

Genau hier setzt die Psychologie an.

Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen denken, fühlen, entscheiden und handeln. Sie untersucht Motivation, Persönlichkeit, Kommunikation, Gruppenprozesse, Entscheidungsverhalten und Veränderungsdynamiken, also genau jene Faktoren, die den Erfolg von Führung und Zusammenarbeit maßgeblich beeinflussen.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass psychologische Kompetenzen in der Führungsforschung seit Jahren zunehmend in den Mittelpunkt rücken. Die Bedeutung der Psychologie in der Führung wird dabei immer deutlicher.

Was die Forschung über erfolgreiche Führungskräfte zeigt

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit von Gerhardt, Bauwens und van Woerkom (2025) analysierte 101 empirische Studien zum Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und Führungserfolg.

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass emotionale Intelligenz positiv mit einer Vielzahl relevanter Führungsergebnisse zusammenhängt. Dazu zählen unter anderem Führungseffektivität, Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden sowie unterschiedliche erfolgreiche Führungsverhaltensweisen (Gerhardt et al., 2025).

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass sich die positiven Zusammenhänge nicht auf klassische „Soft Skills“ beschränken. Vielmehr zeigen die ausgewerteten Studien, dass emotionale Intelligenz auch mit leistungsbezogenen Ergebnissen und dem erfolgreichen Ausfüllen von Führungsrollen in Verbindung steht.

Gerhardt et al. (2025) argumentieren deshalb, dass die Vorteile emotionaler Intelligenz deutlich weiter reichen könnten als bisher angenommen.

Diese Erkenntnisse sind von erheblicher Bedeutung.

Emotionale Intelligenz wird im betrieblichen Kontext häufig missverstanden. Sie beschreibt weder Harmoniebedürfnis noch Konfliktvermeidung. Vielmehr umfasst sie die Fähigkeit, eigene und fremde Emotionen wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv zu regulieren.

Gerade in Situationen hoher Unsicherheit, zunehmender Komplexität und permanenter Veränderung stellt diese Fähigkeit eine zentrale Voraussetzung wirksamer Führung dar. Die Psychologie in der Führung liefert hierfür die wissenschaftliche Grundlage.

Führungskräfte müssen heute nicht nur Entscheidungen treffen. Sie müssen Entscheidungen erklären, Orientierung vermitteln und Menschen durch Situationen begleiten, die häufig von Unsicherheit geprägt sind.

Genau hier entfaltet psychologisches Verständnis seinen praktischen Nutzen.

Warum psychologische Kompetenz Teams erfolgreicher macht

Dass psychologische Kompetenzen nicht nur für einzelne Führungskräfte relevant sind, sondern auch die Leistungsfähigkeit von Teams beeinflussen, zeigt eine aktuelle Meta-Analyse von Paredes-Saavedra et al. (2026).

Die Forschenden analysierten insgesamt 728 Studien und integrierten die Ergebnisse von 22 Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz, transformationaler Führung und Teameffektivität untersuchten.

Die Ergebnisse zeigen einen starken Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und transformationaler Führung (r = .63), einen positiven Zusammenhang zwischen transformationaler Führung und Teameffektivität (r = .45) sowie einen direkten Zusammenhang zwischen emotionaler Intelligenz und Teameffektivität (r = .41) (Paredes-Saavedra et al., 2026).

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass emotionale Intelligenz als zentrale Ressource betrachtet werden kann, die transformationale Führung stärkt und dadurch die Wirksamkeit von Teams nachhaltig verbessert (Paredes-Saavedra et al., 2026).

Diese Ergebnisse unterstreichen einen Aspekt, der in vielen Organisationen noch immer unterschätzt wird:

Leistungsfähigkeit entsteht nicht ausschließlich durch Ressourcen, Prozesse oder Technologien. Sie entsteht durch das Zusammenspiel von Menschen.

Teams entwickeln ihre Wirksamkeit nicht allein durch fachliche Kompetenz. Sie entwickeln sie durch Vertrauen, Kommunikation, Kooperation und die Fähigkeit, auch unter schwierigen Bedingungen gemeinsam handlungsfähig zu bleiben.

Genau diese Faktoren sind Gegenstand psychologischer Forschung und verdeutlichen die Relevanz der Psychologie in der Führung.

Die Arbeitswelt macht Psychologie zur Schlüsselkompetenz

Die Relevanz psychologischer Kompetenzen wird durch aktuelle Entwicklungen zusätzlich verstärkt.

Hybride Zusammenarbeit verändert Kommunikationsprozesse. Künstliche Intelligenz verändert Tätigkeitsprofile. Fachkräftemangel erhöht die Bedeutung von Mitarbeiterbindung. Gleichzeitig arbeiten heute bis zu vier Generationen mit unterschiedlichen Erwartungen und Wertvorstellungen in denselben Organisationen zusammen.

Diese Herausforderungen lassen sich nur begrenzt durch technische oder betriebswirtschaftliche Lösungen bewältigen.

Wer verstehen möchte, weshalb Menschen Veränderungen ablehnen, warum manche Teams leistungsfähiger sind als andere oder weshalb bestimmte Führungskräfte Vertrauen aufbauen und andere nicht, benötigt psychologisches Wissen.

Die Fähigkeit, menschliches Verhalten zu verstehen, wird damit zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil – für Führungskräfte ebenso wie für Unternehmen.

Wirtschaftspsychologie als Brücke zwischen Mensch und Organisation

Genau an dieser Schnittstelle zwischen wirtschaftlichen Anforderungen und menschlichem Verhalten positioniert sich die Wirtschaftspsychologie.

Sie verbindet Erkenntnisse der Psychologie mit den Fragestellungen moderner Organisationen und liefert wissenschaftlich fundierte Antworten auf zentrale Herausforderungen der Unternehmenspraxis.

  • Wie gelingt wirksame Führung?
  • Welche Faktoren beeinflussen Motivation und Leistung?
  • Wie entstehen leistungsfähige Teams?
  • Warum scheitern Veränderungsprozesse?
  • Wie treffen Menschen Entscheidungen?
  • Und wie können Organisationen gestaltet werden, die sowohl erfolgreich als auch gesund sind?

Die Wirtschaftspsychologie betrachtet diese Fragen nicht intuitiv oder erfahrungsbasiert, sondern auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Gerade deshalb gewinnt sie für Fach- und Führungskräfte zunehmend an Bedeutung.

Fazit

Die Herausforderungen moderner Führung sind heute weniger technischer als menschlicher Natur.

Wer Verantwortung für Menschen übernimmt, benötigt deshalb mehr als Fachwissen allein. Erfolgreiche Führung setzt ein Verständnis dafür voraus, wie Menschen wahrnehmen, entscheiden, kommunizieren, kooperieren und auf Veränderungen reagieren.

Die aktuelle Forschung zeigt deutlich, dass psychologische Kompetenzen eng mit Führungserfolg, Teamleistung und organisationaler Wirksamkeit verbunden sind (Gerhardt et al., 2025; Paredes-Saavedra et al., 2026).

Vielleicht sollte die eingangs formulierte These deshalb weniger provokant wirken, als sie zunächst erscheint:

Die meisten Führungskräfte scheitern tatsächlich nicht an BWL.

Sie scheitern dort, wo Menschen ins Spiel kommen.

Und genau deshalb ist Psychologie in der Führung heute wichtiger denn je.

Mehr erfahren

Der Masterstudiengang Wirtschaftspsychologie der Kempten Business School verbindet psychologische Expertise mit betriebswirtschaftlichem Know-how.

Er richtet sich an Fach- und Führungskräfte, die Organisationen, Führung und Zusammenarbeit nicht nur erleben, sondern wissenschaftlich verstehen und aktiv gestalten möchten.

Weitere Informationen zum Studiengang finden Sie unter:


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Prof. Dr. Katrin Winkler

Prof. Dr. Katrin Winkler leitet die Kempten Business School und ist Professorin für Personalmanagement und Führung. Ihr Fokus liegt auf innovativer Führung, digitaler Transformation und lebenslangem Lernen. Sie bringt Führungskräfte in Bewegung, mit neuen Impulsen, klarer Haltung und praxisnahen Konzepten.

19.06.2026

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